Juli/August 2011
Objekt des Monats Juli und August 2011
Ruscha-Vase, Form 849/4 (Kurt Tschörner), Dekor Paris (Hanns Welling)
Die späten 50er Jahre: Aufbruchstimmung! Die Jugend will raus aus dem spießigen Mief des Nachkriegsdeutschlands.
Man gibt sich unangepasst, modern, defi niert Musik, Kleidung, Verhalten und Sprache klar als Abgrenzung zum elterlichen Umfeld. Steile Zähne in Petticoats treffen dufte Macker in der Eisdiele und legen eine kesse Sohle aufs Parkett.
Die angesagte Mucke pendelt zwischen Bill Haleys „Rock Around The Clock“ und den Schlagern, die Sehnsucht nach Italien, Frankreich oder gar Übersee thematisieren.
Eine der Hitsingles des Jahres 1955 war Caterina Valentes Lied „Ganz Paris träumt von der Liebe“, das über 900.000 mal über die Ladentheke ging. Ein Jahr später folgte ihr Lied „Wenn es Nacht wird in Paris....“, ebenfalls ein großer Erfolg.
Paris galt in den 50er Jahren als Synonym für „Stadt der Liebe“.
Gemeint war aber nicht die Geschwisterliebe oder die Liebe zu schönen Autos, sondern konkret die erotische, heißblütige Liebe, die in der prüden Nachkriegsära in Deutschland noch weitestgehend ein Tabu war. Keramik in den 50er Jahren Nicht nur bei der Musikkultur und der Mode, sondern auch bei der Zierkeramik der zweiten Hälfte der 50er Jahre wurde versucht, dieses Gefühl, diese Sehnsucht nach aufregender Erotik auszudrücken.
Die Keramikindustrie generell erlebte in dieser Zeit einen enormen Aufschwung. Kein Wunder, nachdem durch den Zweiten Weltkrieg im wahrsten Sinne des Wortes fast alles zu Bruch gegangen war. Die große Nachfrage ermöglichte es den Produzenten auch, ihr Programm völlig neu zu überarbeiten.
Vor allem asymmetrische Formen wurden nun in großem Maße auf den Markt gebracht. Aber auch bei den Dekoren wurden ganz neue am Zeitgeist orientierte Motive entwickelt. So setzte man sich damals auch bei der Keramikfabrik Rudolf Schardt in Rheinbach zusammen und tüftelte eine neue Produktpalette aus.
Die Formen wurden in dieser Zeit von Kurt Tschörner (1912 - 1987) entworfen, der Lehrer an der Glasfachschule war. Für die Entwicklung der Dekore bei Ruscha war zwischen 1956 und 1958 der damals knapp über dreißigjährige Hanns Welling (1924 - 2008) zuständig. Er hatte bei einer anderen Firma bereits das Dekor schwarze Engobe mit geritzten Motiven und Farbeinlagen entwickelt, bei Ruscha führte er es zu Meisterschaft. Vielleicht lief damals eines der vielen Parislieder im Radio, als er auf die Idee kam,
das Thema „Paris- Stadt der Liebe“ in Keramik zu realisieren.
Das Objekt des Monats Die Form der Vase mit der Nr. 849/4 ist für die damalige Zeit schlicht und symmetrisch. Sie bietet demnach eine geeignete Fläche für Dekore mit bildlichen Ritzmotiven. Asymmetrische Formen sind dafür nur bedingt geeignet. Die 4 hinter dem Schrägstrich gibt im übrigen die Größe an: Höhe 50 cm, Breite 15 - 33 cm. Passend zu der schwarzen Engobe als Untergrund wird hier eine Nachtszene abgebildet. Einzelne Sterne funkeln. Zwei schwarz-weiß gestreifte Katzen als bekanntlich nachtaktive Tiere sind ebenfalls vorhanden.
Ein panoramaartiges Band von Häusern ziert die Vase im oberen Drittel. In zumeist dunklen, erdigen Tönen, skizzenhaft und fast wie Bruchsteine dargestellt, unterstützen sie den nächtlichen Charakter des Motivs. Vereinzelte Gebäude mit Reklameschildern wie Bar, Llano oder Hotel zeigen, es handelt sich um eine Stadt. Der einzigartige Eiffelturm und eine Litfasssäule mit der Aufschrift „Paris“ machen es dem Betrachter endgültig klar: Es handelt sich um eine nächtliche Szene aus der Stadt Paris.
Im Vordergrund des Motivs, hervorgehoben durch eine doppelt so große Darstellung wie die Häuser, stehen ein Mann, eine Frau und in der Mitte von beiden eine Laterne. Letztere weckt beim Betrachter zunächst die Assoziation an den Schlager „Lilli Marleen“, doch genauer betracht hat die dargestellte Szene nichts mit der Situation einer unter der Laterne stehenden in romantischer Liebe harrenden, einsamen Soldatenfrau zu tun. Vielmehr geht es hier um damaliges modernes „Nightlife“.
Der junge Bursche, wohl ein Matrose, in schwarzer Schlaghose, weißem Pulli mit blauem Halstuch oder Schal, steht in lässiger Pose mit Hand in der Hosentasche fast angelehnt an der Laterne und starrt in die Weite.
Er scheint ein Abenteuer zu suchen. Sex oder Alkohol, oder am besten beides zusammen. Ebenfalls unter der Laterne, dem Matrosen entgegen gewandt, eine Blondine: Stöckelschuhe, wadenfreie, eng anliegende Hose, brust- und taillebetontes Shirt. In Kombination mit der Laterne ist es sicher nicht völlig falsch, hier ein leichtes Mädchen zu vermuten. Oder zumindest eine selbst- und sehr körperbewusste Frau, die einem reizvollen Abend mit einem echten Kerl (wie dem Matrosen?) nicht abgeneigt zu sein scheint. Steht sie als Symbol eines neuen Selbstverständnisses der Frau? Ein gesetzter Kontrapunkt zu dem bisher herrschenden Frauenbild: Treusorgenden Mutter und Ehefrau, Mutter der Nation? Mann und Frau sehen sich aber nicht an, sondern blicken wartend in gegensätzliche Richtung.
Sie scheinen beide auf „ihre“ Verabredung zu warten, nehmen von der Person neben sich keine Notiz. Diese Situation erzeugt die eigentliche Spannung beim Betrachter. Wie entwickelt sich die Situation? Kommen die erwarteten Verabredungen oder geben sich die beiden einen Ruck und ziehen gemeinsam los? Ende offen...
Das Motiv war für die damalige Zeit etwas völlig neues. Hanns Welling erzählte mir, auf welche große Ablehnung „Paris“ bei den Händlern zunächst stieß.
Bei der ersten Präsentation auf einer Messe wurde die Firma sogar beschimpft, es wäre eine Frechheit, solch` ein verruchtes Dekor anzubieten.
Hanns Welling und Rudolf Schardt befürchteten deshalb, dass das Dekor der absolute Flop werden würde. Erst als am dritten Ausstellungstag ein junges Händlerehepaar aus Hamburg eine große Anzahl von Objekten mit diesem Motiv orderte, war der Bann gebrochen und das Dekor „Paris“ wurde mit der Zeit zu einem der populärsten Dekore der Firma Ruscha.
Text: Dietmar Pertz, Stadtarchivar der Stadt Rheinbach



